Früherkennung

Jana Hensel hat nicht nur einen symbolischen Partner, sondern auch einen dreijährigen Sohn. Nach einer anstrengenden Zugfahrt mit ihm – in deren Verlauf er nackt durch den ICE tobte – notiert sie:

Ich wusste, dass ich ihn mit keinem Mittel der Welt aufhalten konnte. Noch nie im Leben hatte ich mich so hilflos und gedemütigt gefühlt. Ich hätte weinen können.

Frau Hensel ist um ihr vollkommen demütigungsfreies bisheriges Leben zu beneiden und nicht – wie sie glaubt – um ihr familiäres Glück, das wir paradoxerweise nur selten empfinden. Auch nicht neidisch bin ich auf ihre Wahrnehmung der Umwelt:

Überall wird über Eltern gelästert. Inzwischen nicht mehr heimlich, hinter vorgehaltener Hand, sondern laut und kaum zu überhören. Über Spielecken in Cafés, Kinderwagen in der Straßenbahn, über die Unordnung in Wohnungen, über stillende Mütter und Väter mit Babycarrier vor der Brust.

Man kann natürlich nicht ausschließen, dass das in ihrer künstlichen Welt voller Freiberufler, Künstler tatsächlich so ist – aber in der Regel hilft eine dicke Schicht Alufolie recht gut gegen die Stimmen im Kopf. Eine Welt voller Auflösungsprozesse und den täglich verlorenen Kampf um die Bewältigung des Alltags wird man dagegen nicht ganz ohne Neuroleptika in den Griff bekommen.